Die Bedeutung von Augenkontakt in der Kommunikation lässt sich kaum überschätzen. In gewisser Weise ist er ein visueller Handschlag, der ein ganzes Gespräch oder eine Begegnung hindurch anhält – zunächst vermittelt er Offenheit und Selbstvertrauen, dann Aufmerksamkeit und Verständnis. Und da immer mehr unserer alltäglichen Interaktionen online stattfinden – echte Handschläge also ausgeschlossen sind – ist Augenkontakt in der Hierarchie sozialer Signale nur noch wichtiger geworden. Wir haben Judie Russell von Vidacademy, die weltweit mit Kund:innen zusammenarbeitet, um ihnen zu wirkungsvollerem Video zu verhelfen, nach ihrer Einschätzung gefragt:
„Für mich ist es absolut notwendig, das Publikum anzusehen“, erzählte sie uns. „Stell dir vor, du triffst eine Freundin oder einen Freund auf einen Kaffee und erzählst ihr oder ihm eine wirklich große Neuigkeit. Sie sagen die richtigen Dinge, aber sie schauen dich dabei nicht an, sondern über deine Schulter oder schlimmer noch, in eine völlig andere Richtung. Schnell wird dir das richtig unangenehm, du wirst frustriert und wünschst dir, die Interaktion wäre so schnell wie möglich vorbei. Genau so fühlt es sich für dein Publikum an, wenn du nicht in das Objektiv deiner Kamera schaust. Es hilft dir, eine Verbindung herzustellen, und sorgt dafür, dass sich Menschen wohlfühlen, wenn sie dir zuhören – und besonders, wenn du ihnen zuhörst.“
Natürlich macht es das Wissen um die Bedeutung von Augenkontakt nicht leichter, ihn online umzusetzen. Wer schon an einem Online-Meeting teilgenommen hat, kennt die kleinen Kacheln von Kolleg:innen, Studierenden oder Kund:innen, deren Blicke konzentriert in die unterschiedlichsten Richtungen wandern. Selbst wenn Studie um Studie die Bedeutung von Augenkontakt in Online-Umgebungen betont, schaffen es die meisten von uns trotzdem nicht. Das geht so weit, dass es kaum als unhöflich gilt, beim Sprechen oder Zuhören abwesend zu wirken – umso mehr fallen diejenigen auf, denen es gelingt, in ihren Meetings, Streams oder Videos wirklich präsent zu wirken. Es lohnt sich also durchaus, ein paar wenige Schritte zu unternehmen, um das zu erreichen, woran sich die meisten Menschen gar nicht erst versuchen.
In diesem Artikel schauen wir uns einige praktische Wege an, wie du deinen Augenkontakt in Online-Meetings, Videos oder Streams verbessern kannst, und werfen anschließend einen Blick auf ein paar technische Hilfsmittel für alle, die ihr Online-Spiel noch einen Schritt weiterbringen wollen. Am Ende hast du ein Set an Werkzeugen, mit denen du in der Online-Kommunikation Selbstvertrauen vermittelst, Aufmerksamkeit signalisierst und Vertrauen aufbaust.

Dein typisches Online-Meeting-Fenster.
Objektivkontakt
Der direkteste Schritt zur Verbesserung des Augenkontakts ist vielleicht auch der schwierigste: direkt in die Kamera zu schauen, während du sprichst oder zuhörst. Erfahrene Videoprofis können das, was wir gerne Objektivkontakt nennen, mühelos umsetzen, aber für die meisten von uns ist es wichtig, Gesichter zu sehen, wenn wir ein Gespräch führen. Wir passen Tonfall, Tempo und Inhalt normalerweise an Signale wie Stirnrunzeln, Lächeln, Nicken und – gott bewahre – Augenrollen an, sodass es schwerfallen kann, eine Interaktion völlig ohne Blickkontakt mit unserem Gegenüber zu führen. Wer aber das nötige Selbstvertrauen und die Konzentration mitbringt, für den ist der direkte Blick in die Kamera der sicherste Weg zu perfektem Augenkontakt – jedes Mal. Es braucht vielleicht etwas Übung, und du könntest neben dem Objektiv etwas platzieren – und sei es nur ein auf einen Notizzettel gemaltes Smiley –, damit du etwas anderes hast, worauf du blicken kannst, als reglose Hardware. Für beste Ergebnisse sollte sich die Kamera auf oder knapp über Augenhöhe befinden.

Judie Russell von Vidacademy beherrscht den direkten Blick ins Objektiv wie keine Zweite.
Wer es für unerlässlich hält, tatsächlich in menschliche Gesichter zu blicken, für den ist die beste Option, das Objektiv der verwendeten Kamera so nah wie möglich am Fenster des Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartnerin auszurichten. Nutzt du eine eingebaute Kamera, kannst du dein Präsentations-, Skript- oder Meeting-Fenster so weit oben wie möglich auf dem Bildschirm platzieren. Bei Smartphones, spiegellosen Kameras oder Webcams hast du etwas mehr Spielraum. Mit einem guten Schwanenhalsarm oder Stativ kannst du deine Kamera direkt vor dem Bildschirm montieren und dann das Fenster mit deiner Präsentation so ziehen, dass es direkt über oder unter dem Objektiv sitzt (nach unserer Erfahrung zerstört eine Platzierung neben dem Objektiv den Eindruck von Augenkontakt eher). Es lohnt sich auch zu prüfen, ob deine Software einen Transparenzmodus bietet – bei Camo findest du ihn unter Camo Studio/Fortgeschritten. Damit kannst du das Camo-Fenster auf verschiedene Transparenzstufen einstellen und direkt über deinem Zoom-Anruf oder deinen Sprechnotizen platzieren. So bringst du zwei wichtige Bezugspunkte so nah wie möglich am Objektiv zusammen.
Arbeitest du an einem Laptop, ist Bildschirmplatz etwas kostbarer, daher lohnt sich die Suche nach einem Stativ mit möglichst kleinem Fußabdruck (und stell deinen Laptop auf ein paar Bücher, um alles auf Augenhöhe zu bringen). Im Notfall kannst du sogar mit einem Drahtkleiderbügel oder ein paar Legosteinen eine eigene Halterung improvisieren. Es gibt eine große Auswahl an Optionen, und wir haben einige Modelle für Smartphones ausgiebig getestet.
Bei Meetings mit mehreren Teilnehmenden hilft es, Fenster spontan neu anzuordnen, um aufmerksam zu wirken. Du kannst dir das wie das Kopfdrehen zu einer anderen sprechenden Person in einem Konferenzraum vorstellen – sobald jemand Neues das Wort ergreift, verschiebst du einfach dessen Fenster neben das Kameraobjektiv. Lässt du dich, wie viele von uns, vom eigenen Bild ablenken, versuch es mit dem Ausblenden oder Schließen deines eigenen Fensters.

Jedes bisschen hilft: Richtest du das Fenster der sprechenden Person so nah wie möglich an deinem Objektiv aus, verbesserst du deine Blicklinie und signalisierst, dass du aufmerksam und aktiv am Gespräch beteiligt bist.
Der letzte praktische Schritt, den wir empfehlen würden – sofern du den Platz dafür hast –, ist, deinen Blickwinkel zu verändern, indem du etwas mehr Abstand zwischen dich und den Bildschirm bringst. Sitzt du normalerweise recht nah an deiner Kamera, reicht schon ein kleiner Abstand zum Objektiv, um den Eindruck von Augenkontakt zu zerstören. Versuch, etwas weiter zurückzurücken – je weiter du gehst, desto mehr Spielraum hast du, deinen Blick vom Objektiv auf einen anderen Bereich des Bildschirms wandern zu lassen. Nutzt du ein eingebautes Mikrofon, entfernst du dich damit natürlich auch von guter Klangqualität, weshalb sich ein externes Mikrofon oder eine Ansteckmikrofon-Option lohnen kann, die gutes Licht und guten Klang mit dir mitbringt. Du solltest außerdem deinen Bildausschnitt neu einstellen, damit du im Bild nicht zu klein wirkst – hier ist die Zoom- und Ausschnitt-Funktion von Camo besonders nützlich.

In dieser Sequenz schaue ich aus drei verschiedenen Entfernungen auf dieselbe Stelle des Bildschirms – etwa fünf Zentimeter unterhalb des Kameraobjektivs. Beachte, wie sich meine Blicklinie dem direkten Blick annähert, je weiter ich zurückgehe. Ich habe die Zoom-Funktion von Camo genutzt, um den Bildausschnitt für mein Gesicht gleich zu halten, während ich mein Hauptlicht – eine Schwenkarmlampe – jedes Mal mit mir bewegt habe.
Natürlich hat nicht jede und jeder die Zeit, den direkten Blick ins Objektiv zu üben, die übrige Konzentration, um während eines Meetings Fenster neu anzuordnen, oder den Platz, um den Abstand zwischen Augen und Kamera zu vergrößern. Für diese Personen – ebenso wie für alle, die bei Videos oft von Präsentationen oder Skripten ablesen – gibt es ein paar verschiedene technische Lösungen.
Teleprompter
Getestete Produkte:
Andoer Universal Teleprompter UK £75 USA $100
Teleprompter Premium+ Kostenlos
Für alle, die viel präsentieren und eher aus Notizen oder einem Skript ablesen möchten, statt ihr Publikum zu sehen, gibt es den klassischen Teleprompter – auch als Autocue bekannt –, der inzwischen in verschiedenen Größen erhältlich ist und mit jedem Gerät funktioniert, auf dem eine Teleprompter-App läuft. Sie sind nicht nur etwas für Nachrichtensprecher:innen und Politiker:innen – mithilfe eines einfachen, schräg angeordneten Zwei-Wege-Spiegels können kompakte Teleprompter ein Skript oder eine Präsentation von einem Tablet oder sogar einem Smartphone direkt vor deinem Objektiv projizieren, sodass du deinen inneren Walter Cronkite zum Vorschein bringen und dabei den wichtigen Augenkontakt halten kannst. Du brauchst zusätzliche Software auf deinem Tablet oder Smartphone – eine App, die deinen Text für die Spiegelung umkehrt und dann in einem angenehmen Tempo scrollen lässt (wir haben die einfache, kostenlose App Teleprompter genutzt, aber es gibt noch viele weitere, darunter das webbasierte, sprachgesteuerte Speakflow). Hast du die nötige Hardware und Software erst einmal beisammen, ist die Einrichtung überraschend einfach, und die Ergebnisse können sich sehen lassen.
Möchtest du nicht noch mehr Hardware in dein Setup einbauen, kann es trotzdem sinnvoll sein, eine Teleprompter-App direkt auf deinem Computerbildschirm laufen zu lassen, da der Text so nah am Objektiv bleibt und du dir während der Präsentation um eine Variable weniger Gedanken machen musst. Wir hatten guten Erfolg damit, Camo im Transparenzmodus über unsere Teleprompter-App zu legen – erhältlich sowohl als Computer- als auch als Smartphone-Version.


Für unser Teleprompter-Rig haben wir ein Smartphone genutzt, um das Skript mit der App Teleprompter laufen zu lassen, und ein zweites, um Video kabellos an Camo Studio zu streamen. Die meisten kompakten Teleprompter bringen Zubehör zur Montage von DSLRs und spiegellosen Kameras mit. Manche lassen sich sogar am Laptop befestigen.

Für einfachere Setups war es sehr hilfreich, Camo im Transparenzmodus über eine auf unserem Bildschirm scrollende Teleprompter-App zu legen. Richte die Fenster einfach direkt unter deinem Kameraobjektiv aus, und du hast Skript und Bild in derselben Blicklinie.
Digitale Lösungen
Wenn du zu guter Letzt nichts dagegen hast, dich ein wenig ins Unheimliche vorzuwagen, gibt es ein paar Softwarelösungen, die deinen Blick digital zur Kamera umlenken. Die Augenkontakt-Funktion von FaceTime kam mit iOS 14 auf iPhones und ist standardmäßig aktiviert, und das Team von NVIDIA stellte im Januar seine Eye-Contact-Funktion für Broadcast 1.4 vor. Beide Funktionen machen mehr oder weniger dasselbe: Sie verfolgen deine Augenbewegung und legen dann digital einen stetigen Blick darüber, wenn du vom Kameraobjektiv wegschaust – man könnte es als High-Tech-Version davon sehen, einen Tischtennisball zu halbieren, kleine schwarze Punkte darauf zu malen und sie über die Augen zu legen.

Der Augenkontakt-Boost von FaceTime ist sehr subtil und fällt vielleicht am ehesten auf, wenn man direkt ins Objektiv schaut.


Die Funktion von NVIDIA ist stärker und korrigiert die Blicklinie auch bei deutlich größeren Winkeln. Dabei kann sie aber auch ein wenig unheimlich wirken.
Wenn du keine Bedenken hast, Teile deines Körpers in Echtzeit deepfaken zu lassen: Wir fanden die Funktionen von FaceTime und NVIDIA innerhalb eines bestimmten Winkelbereichs recht wirkungsvoll, wobei uns kleine Veränderungen an Augengröße und -form aufgefallen sind. Der FaceTime-Effekt – die Augen nur minimal anzuheben, sodass es aussieht, als würde man direkt in das Selfie-Objektiv des iPhones schauen – war fast nicht wahrnehmbar, wobei uns auffiel, dass es bei aktivierter Funktion und direktem Blick der sprechenden Person in die Handykamera den Eindruck erweckte, sie schaue auf einen Punkt über unserem Kopf. Der Effekt von NVIDIA war dagegen sowohl stärker als auch deutlicher wahrnehmbar. Bewegten wir die Augen nur etwas nach links oder rechts, blieb der direkte Blick erhalten, höchstens mit einem leichten Flackern. Schauten wir jedoch weiter zur Seite, brauchte die digitale Korrektur manchmal einen Moment, um die Augen sichtbar wieder nach vorne zu ziehen. Wir freuen uns darauf, diese Funktionen mit Microsofts eigener Augenkontakt-Funktion zu vergleichen, die mit Windows 11 für Computer mit ARM-Chips eingeführt wurde.
Natürlich gibt es guten Augenkontakt, und dann gibt es unnatürliches Starren, und all diese Funktionen müssen noch daran arbeiten, herauszufinden, wo das eine endet und das andere beginnt. Der Bereich der Augenkontakt-Technologie entwickelt sich jedoch schnell weiter – schau also bald wieder vorbei, um zu sehen, welche neue Technik wir auf unserer Mission ausprobiert haben, dir zu besserem Video zu verhelfen (wären wir in Japan oder Singapur, würden wir definitiv in ein lebensgroßes virtuelles Portal springen). Solltest du in der Zwischenzeit feststellen, dass eine – oder mehrere – dieser Optionen für dich funktionieren, oder eine andere Lösung entdeckt haben, die wir ausprobieren sollten, lass es uns gerne in den Kommentaren unten wissen.
